Preisträger 2026
Musiker-Kooperative (MUKO) Sendenhorst
Text der Laudatio:
Der Arbeitskreis Woche der Brüderlichkeit Sendenhorst verleiht seit 2006 die Bernhard–Kleinhans–Plakette an Gruppen, Initiativen, Aktionen oder einzelne Personen, die in der Stadt Sendenhorst wirken oder aus ihr entstammen. Damit wird deren beispielhaftes bürgerschaftliches Engagement für Versöhnung, Toleranz und friedliches Miteinander ausgezeichnet.
Wir tun dies in Erinnerung und Würdigung von Bernhard Kleinhans, des 2004 verstorbenen Bildhauers und Ehrenbürgers der Stadt Sendenhorst, der am 17. April d. J. 100 Jahre alt geworden wäre. Sein Sohn Basilius Kleinhans, wie der Vater international preisgekrönter Bildhauer, unterstützt uns jedes Jahr, in dem er die jeweils als Unikat gestaltete „Bernhard-Kleinhans-Plakette“ anfertigt.
Der Politiker und frühere Bundesinnenminister Otto Schily sagte einmal: „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit.“
Ein zugespitzter Satz – und doch steckt viel Wahrheit darin. Erst durch Musik, bildende Kunst und Literatur erhält eine Gesellschaft ihr Gesicht und ihre innere Form. Ohne diese kulturelle Rahmung bliebe sie eine bloße Verwaltungsmasse. Es gibt kein Land ohne Nationalhymne, ohne repräsentative Bauwerke, ohne Galerie, Theater oder eigene Literatur.
Vielleicht lautet die kürzeste Definition von Kultur: So machen wir das hier, so gehen wir miteinander um, so feiern wir Feste, so gestalten wir unser Zusammenleben – auch jenseits von Gesetzen und Verordnungen. Und genau dieses „So machen wir das hier“ prägt seit Jahrzehnten das kulturelle Leben in Sendenhorst.
Neben der Musikschule in kreisweiter kommunaler Trägerschaft unterstützte die Stadt in den 1990er Jahren zunehmend auch die 1987 gegründete MUKO. Purer Luxus, den sich eine progressive Kleinstadt damals glaubte, leisten zu können? Was steckte dahinter? Was hat die Gründer dazu gebracht, ein weiteres Musikschulangebot in die Welt zu setzen?
Ein Zugang zum Musikunterricht war Kindern und Jugendlichen oftmals nicht gegeben. Die MUKO-Gründer wollten mehr Teilhabe ermöglichen, sich stärker an Wünschen orientieren, die von tradierten Musikschulen nicht aufgegriffen wurden. Sie wollten ihr Lernangebot nicht vorrangig an der klassischen Musik orientieren, setzten auf ein starkes kulturelles Engagement aller Mitwirkenden, auf Demokratisierung und Mitverantwortung in der kulturellen Bildung.
Was als freie Musikschule begann, entwickelte sich über Jahre hinweg zu einer festen Größe im kulturellen Leben der Stadt. Mit wachsender Zahl an Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern erweiterte sich auch das Angebot der MUKO stetig. Neben dem Instrumentalunterricht entstanden Konzerte, Workshops, Filmabende und schließlich sogar ein eigenes Stadtfest – das „Sowieso-Fest“. Die Reihe „Kunterbunt“ brachte Jahr für Jahr regelmäßige Theatervorstellungen für Kinder – eine großartige Entwicklung des Kulturangebotes in der Stadt.
In den 2000er Jahren vollzog sich folgerichtig der Schritt von der freien Musikschule zur offenen Kulturschule. Das Spektrum wurde breiter: Bandworkshops, Chöre, Instrumentenkarussell, Graffiti-Workshops, Hip-Hop-Tanz, Theaterkurse, Filmprojekte. In enger Kooperation mit Kindertageseinrichtungen und Schulen, besonders mit der Realschule St. Martin – mit eigens eingerichteten Musikklassen – wurde vielen Kindern und Jugendlichen der Zugang zur Kultur erleichtert. Die Kooperation mit der Stadt wurde gefestigt und erweitert, Sendenhorst mit der MUKO zur „Stadt der Stimmen“. Der Vocal-Champs-Contest etablierte sich als hochkarätiges Festival der Vokalmusik für Chöre und Bands aus allen Teilen Deutschlands und aus weiteren europäischen Ländern.
Nach schwierigen Anfangsjahren in leerstehenden Gewerberäumen, später in wechselnden Schulräumen, an mehreren Standorten und mit einer Geschäftsstelle an anderer Stelle, wagte die MUKO 2012 einen großen Schritt: Mit großzügigen Spenden übernahm sie ein ehemaliges städtisches Mietwohnhaus Auf der Geist als dauerhaftes „MUKO-Haus“ – ein sichtbares Zeichen von Anerkennung, Beständigkeit und Zukunftsperspektive. Haus und Garten wurden zu einem offenen Ort der Begegnung – für Musik, Kunst, Begegnung und Gemeinschaft. Von hier aus konnte sich das Wirken der MUKO weiter entfalten – nicht nur innerhalb der Stadtgesellschaft, sondern auch für Menschen unterschiedlicher Lebensgeschichten, kultureller Prägungen und Erfahrungen. Gerade diese Offenheit machte die MUKO in den folgenden Jahren zu einem Ort, an dem Integration durch Kultur und Musik selbstverständlich gelebt wurde.
Isaac Stern, der in der Ukraine geborene, in San Francisco aufgewachsene bedeutende Violin-Virtuose des 20. Jahrhunderts, der sich als Pädagoge besonders für die Förderung junger Musiker einsetzte, hat einmal gesagt: „Wer Musik macht, lernt nicht zu hassen. Wer Musik macht, lernt zu hören, zuzuhören und zu denken.“ Wenn wir heute auf die Idee und die Entwicklung der MUKO schauen, so sehen wir auch Isaac Sterns Worte bestätigt.
Ein besonderes Verdienst hat sich die MUKO in den vergangenen Jahren bei der Integration neuer Mitbürgerinnen und Mitbürger erworben. Eindrücklich hat sich gerade hierbei die verbindende Kraft der Musik erwiesen. Musik ist eine universelle Sprache – und zugleich Ausdruck der jeweiligen Herkunftskultur. Die MUKO hat die musikalische Mitgift von Geflüchteten und Zugewanderten nicht nur anerkannt, sondern aktiv aufgegriffen.
Und hinter all diesen Projekten stehen engagierte Menschen, die diese Werte Tag für Tag leben. Ein engagiertes Team aus Instrumental-, Kunst- und Tanzpädagoginnen und -pädagogen. Stellvertretend – wirklich nur stellvertretend – seien genannt: Hans Kinneging, seit fast den Anfängen dabei und langjähriger Vertreter der Lehrkräfte im Vorstand, auch heute noch. Matthias Everding, ehem. Lehrer an der Realschule St.-Martin, ein Motor der Schulkooperationen und viele Jahre stellvertretender Vorsitzender. Heike Beindorf und Renate Heßeler im Büro – unverzichtbare Ansprechpartnerinnen für Lehrkräfte, Vorstand, Leitung sowie für Schülerinnen und Schüler.
Und da ist der Vorstand, der die Entwicklung der MUKO engagiert begleitet und unterstützt – insbesondere der stellvertretende Vorsitzende Andreas Hartleif sowie Ralf Schomacher. Seit vielen Jahren bringen sie und weitere Mitglieder ihre Zeit und Kraft ehrenamtlich ein, in früheren Jahren ganz besonders auch Renate Keppeler.
Eine Persönlichkeit jedoch steht in besonderer Weise für die Geschichte und den Geist der MUKO: ihr Gründer Matthias Greifenberg. Was ihn auszeichnet, sind sein nie versiegender Idealismus und seine Begeisterungsfähigkeit. Gewinn oder Macht waren für ihn nie Antrieb. Wenn es etwas zu verteilen gab, stellte er sich hinten an – ganz hinten.
Die MUKO steht in diesem Jahr vor einem Umbruch. Mit neuen Strukturen und unter der Leitung von Thorsten Schulz beginnt ein neues Kapitel. Diese Auszeichnung heute ist Anerkennung, Bestätigung und Ermutigung zugleich. Möge sie der MUKO Kraft geben, ihren Weg weiterhin mit Engagement, Offenheit und Kreativität zu gehen.
Arbeitskreis Woche der Brüderlichkeit in Sendenhorst
Sendenhorst, am 8. März 2026
(Franz-Ludwig Blömker)
